20.05.
Anreise mit einer knapp 350 Kilometer langen Anfahrt. Das Navi bringt uns recht sicher in eine Gegend, die das Wort »Arbeitslosigkeit« erfunden zu haben scheint. Erste Eindrücke vom Ferienhaus: Klein, neu und sauber.
Die Vermieterin eher kühl und professionell in Eile hakt schneller als uns lieb ist »ihre Liste« ab. Keine gemeinsame Inaugenscheinnahme der Zählerstände, was man jedoch spätestens dann erwarten darf, wenn man nach Verbrauch abgerechnet wird. Der Hammer: Nirgends steht es in unseren schriftlichen Unterlagen, aber sie möchte für jedes Rad 1 Euro pro Tag und für jeden Sack Kaminholz 7,50… wir zahlen überrumpelt und fühlen uns abgezockt. Unser erster Urlaub im Osten der Republik fängt ja schon mal gut an.
Später Einkauf in einem kleine Örtchen 5 KM von unserem Ferienhaus entfernt. Der Supermarkt heisst »Sky« und ich liebe kleine Supermärkte. Das rächt sich wenige Minuten später. Keine Ahnung, wie es in dieser Gegend mit der Arbeitslosigkeit aussieht, aber ein Pärchen starrt uns auf eine Weise an, das es schon unangenehm ist. Es wird an einem Angebotstisch z. T. abgelaufene Ware (auch Fleisch) verkauft. Salat ist matschig, ich nehme nichts von der Frischetheke, nur Eingeschweisstes kommt nach doppelter Kontrolle des Haltbarkeitsdatums in den Warenkorb. Draussen beim Ausparken machen sich zwei junge Männer über unser Kennzeichen oder ähnliches lustig. Na, willkommen im Osten der Depression.
Im Ferienhaus stellen wir immer mehr Kleinigkeiten fest, die sich in ihrer Summe zu einem Ärgerniss ansammeln. Eine völlig unbrauchbare beschichtete Pfanne und ein ebenso abgefressener Topf, die man nicht mal mehr auf einem Flohmarkt anbieten würde, verleiden einem das Kochen und zwingen zum Improvisieren. Drei Rollen Toilettenpapier, ein Grill ohne Kohle und Anzünder, eine Garten, der fast nur aus Wiesenhalmen und Löwenzahn besteht, eine Wohnfläche auf zwei Ebenen mit einer Wendeltreppe, bei der sogar ich Probleme habe, diese hinunter und wieder hinauf zu kommen.
Das SAT Fernsehen hat andauernd Ausfälle und ich erforsche die Ursache und stelle fest, dass man die Satschüssel unter einem Baum installiert hat – deswegen der schlechte Empfang. Keine sonstigen Decken, keine Sitzkissen für die Essgruppe aus Massivholz, keine Kissen zum Anlehnen und kein Putzlappen zum Tischabwischen. Ein Spülertapp und das ist nach Aussage der Vermieterin auch noch so gewollt, da sie es mal anderweitig so gesehen hat. Ein voller Bioeimer (schön ecklig) und schmutzige Schalen. Fahrräder ohne Luftpumpe und ohne Werkzeug, die Sattelhöhe anzupassen.
Ganz schlimm: Eine wahre Mückenplage, mehr, als man sonst an einem See erwarten darf. Als Heizung sind Elektroheizungen eingebaut. Kein Vergnügen für den Geldbeutel bei 0,24 Cent die KW-Stunde. Das Herrenrad ist ohne Ständer und hat in einem ziemlich hügeligen Gelände nur einen Gang – klasse. Licht? Eine Strassenlaterne ca. 150m entfernt die um 00:00 Uhr abgeschaltet wird. Danach ist es dunkel wie im Bärenarsch, weil ausser einer kleinen Lampe am Haus auf dem 1000qm2 keine andere Beleuchtung installiert ist und auch aus der kargen Nachbarschaft nichts rüberkommt. Wir gehen bedient ins Bett.
21.05.
Es langt uns, wir wollen nur noch weg. Vorher aber fahren nach Neustrelitz. Irgendwie bezeichnend: Es ist wenig los, liegt das an der Jahreszeit? Wir werden sehr freundlich in der Orangerie bewirtet und atmen das erste mal entspannt durch. Es geht doch. Auch die Umgebung um das damalige Schloss herum ist wunderbar.
Ein schöner Tag, aber wir rufen abends doch die Vermieterin an, die das nicht ganz versteht, sind doch 61 Taler angemessen, für das Angebot… meint sie. Eine Nacht vor einem unangenehmen Gespräch beginnt. Aber wieso? Uns sollte es nicht unangenehn sein, denn wir haben unseren Vertrag eingehalten.
22.05.
09:30 Uhr, High-Noon in unserm Ferienhaus. Konstruktiv und ruhig ohne Vorwürfe. Wir präsentieren unsere »Mängelliste« und stoßen nicht in allen Punkten auf Verständnis. 61 Euro sind doch… ja ja, das kennen wir bereits. Erfahrungswerte unsererseits mit anderen Ferienhäusern werden als »Ausnahme« hingestellt. Grobe Fehler werden zugegeben (Topf, Pfanne) und sich entschuldigt jedoch geschickt auf Nachbesserung gedrungen und durchgeführt. Der Eindruck, teilweises Unverständnis und Generve ausgelöst zu haben, bleibt.
Einige Stunden später kommen Vermieterin nebst Mann (Förster…) und bringen Fehlendes, sägen den Ast ab und drehen statt einer gewünschten Sparbirne eine normale 15 Wattbirne in die Aussenfassung… Auf meine Begrüßung »Mahlzeit« werde ich von ihm in ruhigem, aber irgendwie reservierten und angepissten Tonfall gefragt, ob ich etwas gegessen hätte. Verwundert erwidere ich, das dies »bei uns« eine Form der Begrüßung sei. Er würde das nur sagen, wenn er etwas gegessen hätte… Auch sonst wird zwar seinerseits der Job gemacht, aber man wird das Gefühl nicht los, dass wir für seine/ deren Augen kleinlich und spiessig sind. Nun bleiben wir erstmal doch, obwohl gerade er bei mir den dringenden Wunsch auslöst, unseren Vermietern nicht mehr »zur Last« zu fallen. Aber naja…
Wir besuchen den Ort Mirow und sehen uns die Johanniterkirche und deren Gruft an. Toll. Ein etwas deprimierendes Gespräch mit einer Verkäuferin und deren sowie der allgemeinen Arbeitsplatzsituation in der Gegend bringen uns in die Realität zurück. Der Abend endet ruhig und normal, ich fange mit dem Tagebuch an.
23.05.
Wir kommen nicht so recht in Gang aber nach ein wenig Gasgeben schaffen wir es noch pünktlich nach Hohenzieritz zum Sterbezimmer der Königin Luise von Preußen. Die Ausstellung ist klein und hat Werktags auch nur 1 Stunde geöffnet. Das Schloß selbst ist schön hergerichtet, es ist ja auch eine Behörde drin. Das Drumherum ist typisch z. T. ziemlich heruntergekommen. DDR Pflege halt. Dabei sind die größeren Straßen wirklich vom Feinsten, da können oft sogar wir nicht mithalten.
Danach einfach mal das Navi eine Sehenswürdigkeit vorschlagen lassen. In der Nähe die »Alte Burg«. Nicht gerade von den baulichen Köstlichkeiten verwöhnt erwarten wir nichts wirklich Tolles in Prenzlin, werden jedoch positiv überrascht von einer kleinen, gepflegten Burg mit Hexenausstellung (äußerst interessant die Hexenverfolgung in Mecklenburg) und einem themengerecht eingerichteten Restaurant mit einer kleinen, aber würzigen Auswahl an Gerichten. Ein durchaus schöner Tag.
24.05.
Ein kleiner Tripp nach Fürstenberg und Rheinsberg füllten diesen Tag. Die große Hoffnung, in Fürstenberg ein Schloß anzuschauen wurden zunichte gemacht. Es ist in private Hände verkauft worden. Die Stadt selbst in großen Teilen grau und trist, sogar die Innenstadt gibt nichts wirklich Tolles her. Kaputte Bauten treten auch hier oft in den Blickpunkt. Und leise, deprimierte Menschen, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben scheinen. In Rheinsberg besuchten wir das dortige Schloß, welches sich im Aufbau befindet und bereits in einem guten äußeren Zustand ist. Für die Besichtigung des Innenteils kamen wir jedoch zu spät. Ein Spaziergang durch die neu erstellten Gärten zeigt auch das immer wieder in dieser Seenplatte auftauchende Mückenproblem. Unser Vermieter behauptete ja, dies wäre nur diese Jahr so schlimm und der Höhepunkt bereits überschritten. Die Nachbarn, die ein Wochenendhäuschen neben dem unsrigen belegen äußerten jedoch auf Nachfrage, dass dies immer bis zu Sommermonaten so wäre und dann im Herbst nochmals auftauchen würde.
25.05.
Regen, Sonne, Wolken. Ein Wetter, wie es bis auf Montag die ganze bisherige Zeit so war. Mückenwetter. Manchmal auch ordentlich aufkommender Wind. Toll. In den Wald spazieren? Mücken. Auf den ollen Fahrrädern eine Tour machen? Null Fun. Im Übrigen hatte ich die Sattelstange bis aufs Maximum herausgezogen und saß immer noch wie der berühmte Affe auf dem Schleifstein auf dem Rad.
26.05.
Tag der Abreise. Es wird gepackt und da wir ja reinliche Menschen sind auch die Bude auf Vordermann gebracht – trotz Endreinigungsgebühr. Man möchte sich ja nichts nachsagen lassen. Als ich die Fahrräder begutachte muss ich feststellen, dass beim Herrenrad ein dicker, rostiger, stumpfer Nagel sich durch die Lauffläche rein und an der Reifenseite wieder raus gebohrt hat. Ein Wunder, dass er noch so lange durchgehalten hat, denn beim Fahren selbst war uns nichts aufgefallen.
Wir können es nicht erwarten und fiebern der Vermieterin entgegen, die pünktlich erscheint. Um weiteren Diskussionen aus dem Weg zu gehen nehmen wir den Hund als Grund. Doch wenn sie zwischen den Zeilen lesen kann, wird sie bemerkt haben, dass wir nicht ein wirklich gutes Wort über unseren Urlaub verloren haben. Noch eine halbe Stunde Smaltalk und wir düsen um kurz vor Vier los. Zum Glück keine Staus oder sonstigen Zwangspausen. Wir kommen müde, aber froh daheim an und sind uns nach diesem Urlaub über eines einig: Nie wieder in Ostdeutschland…